Diese Seite wird nicht mehr aktualisiert.
Arbeits- und Gesprächskreis Frühe Neuzeit
am Germanistischen Seminar der Universität Bonn
Abstracts
Auf dieser Seite finden sich - in chronologischer Reihenfolge - Abstracts zu Vorträgen, die im Rahmen des Arbeits- und Gesprächskreises Frühe Neuzeit stattgefunden haben.
Stefanie Arend: "Setzt Namen auff den Schnee" 6 Kulturkritik im Drama des 17. Jahrhunderts im Lichte senecaischer Philosophie
Von der Warte genuin-senecaischer Kulturphilosophie wird im barocken Drama Kritik an denjenigen Prozesse n der Neuzeit geübt, die das stoische secundum naturam vivere, das naturgemäße Leben im Einklang mit dem Gewissen, verhindern. Die Antike ist fähig, wissenschaftsgeschichtliche und staatstheoretische Entwicklungen der Moderne, die sich in den Dramen Gryphius und Lohensteins ankündigen, nach ihren Grundvoraussetzungen zu befragen und die Wurzeln ihres politisch-philosophischen Konfliktpotentials offenzulegen. Die Prämisse des naturgemäßen Lebens bietet dabei einen alternativen, wenn auch utopischen Gegenentwurf, der den Beginn der modernen Welt- und Naturauffassung kritisch reflektiert.
zurück zu Veranstaltungen
Stephan Kraft: Impotente Potentaten und der Prinz mit dem Hirschgeweih. Komik in Herzog Anton Ulrichs Römischer Octavia und das Problem der Ständeklausel im höfischen Barockroman
Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet die Aufteilung des Romans in drei, zeitlich zum Teil weit auseinanderliegende Entstehungsschichten: In den Jahren 1677-1679 erschienen die ersten drei Bände, denen 1703-1707 drei weitere folgten, bevor der Gesamttext von 1710-1714 noch einmal überarbeitet und erweitert worden ist. Entlang dieser Aufteilung wird die Entwicklung des problematischen (weil letztlich gattungswidrigen) Lachens im Text verfolgt. Während sich in der ersten Schicht vorwiegend ein gedämpftes, leicht ironisches Lachen (meist im Zusammenhang mit Liebesverwirrungen) findet, stehen in den komischen Szenen der zweiten Schicht zwei aggressiv verlachte, unfähige und groteske Herrscher im Mittelpunkt - eine Konstruktion, die einen klaren Verstoß gegen die Regeln des Decorum darstellt. In der dritten Schicht schließlich kommt noch eine Reihe von regelrecht schwankhaften Erzählungen hinzu, und thematisch macht das Lachen hier auch vor der für den Roman zentralen religiösen Thematik nicht mehr halt. Diese sukzessive Steigerung der Verstöße gegen die impliziten Gattungsregeln wird als Zeichen einer ideologischen Verunsicherung begriffen, wobei im ersten Schritt noch selbstironisch-selbstbewußt mit den Normen und Werten der höfischen Gesellschaft gespielt wird, während diese im zweiten Schritt durch ein aggressives Verlachen der grotesken Könige aktiv eingefordert werden (müssen?). In der dritten Schicht nimmt das Lachen zumindest ansatzweise karnevalistische Züge an. Abschließend wird noch kurz darauf hingewiesen, daß diese ideologische Desintegration in der Römischen Octavia auf verschiedenen thematischen Feldern, etwa denen der Religion oder der Politik, nachverfolgt werden kann.
zurück zu Veranstaltungen
Stefan Elit: Die beste aller "Sprache[n] der Poesie" erweisen. Klopstocks Übersetzungen griechischer und lateinischer "Klassiker" am Beispiel seiner Horazübersetzung
Dieser Beitrag rekonstruiert, in welcher Weise ein prominenter deutscher Vertreter einer "empfindsamen" bzw. genauer "herzrührenden Schreibart" an der Schwelle zur Neuzeit seine Übersetzungen von Oden des Horaz einsetzte, um die Originale poetisch zu überbieten. Er strebte aber dabei ebenso einen Wettstreit an, der seine Übersetzung als Versionen in anderen modernen Sprachen überlegen erweisen sollte. Durch dieses doppelte Unternehmen sollte sich schließlich (s)eine deutsche Literatursprache als die beste aller möglichen (in Anlehnung an einen Aufsatztitel Klopstocks) "Sprache[n] der Poesie" herausstellen. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803) stellte dafür in einer späten poetologischen Schrift, den "Grammatischen Gesprächen" (im folgenden: GrGe) von 1794, die Oden des Horaz in ganz besonderer Weise an die Spitze der "klassischen" antiken Poesie: Sie seien die kürzeste, sprich: prägnanteste oder auch "kurzbündigste" Versdichtung im Vergleich zu (ebenfalls von ihm in den GrGe übersetzten) Stücken etwa aus Werken Homers oder Vergils. Diese Kürze durch möglichst getreue Übersetzung in die eigene Sprache zu übertreffen, heiße, eine Bestform hoher poetischer Sprache überhaupt zu erreichen. Mit den eigenen Übersetzungen meinte Klopstock vermutlich dieses Ziel erreicht zu haben, er forderte aber insbesondere französische und englische Dichter zu einem Vergleich in einer Art internationalem Übersetzerwettstreit auf. Der Dichter eines "Messias"-Epos, einst ein "Lehrling der Griechen" und in den eigenen Oden wohl einer der "horazischsten" deutschen Lyriker, scheint mit diesem Übersetzungsunternehmen einen ganz eigenwilligen Emanzipationsversuch gegenüber den antiken "Klassikern" konzipiert zu haben. Dieser Versuch ist schließlich vor allem im Kontext der verschiedenen Querelle-Varianten im 18. Jahrhundert und als nationalpoetische Position (v.a. gegenüber der französischen Klassik) auszuloten.
zurück zu Veranstaltungen
Letzte Aktualisierung: 1. Oktober 2000
Diese Seite wird nicht mehr aktualisiert.