Stefanie Arend: Zur Geschichte von Cassirers symbolischen Formen: Die Historisierung eines ahistorischen Konzepts an der "Wende" vom Barock zur Aufklärung.

Mit seinen Erkenntnisproblemen versuchte Cassirer eine ideengeschichtliche Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Denkgeschichte, der er eine eigene Philosophie der symbolischen Formen folgen ließ. Ahistorisch ist für den in neukantianischer Tradition stehenden Cassirer die anthropologische Konstante, daß sich der Mensch mit Hilfe von symbolischen Formen in Sprache, Kunst, Mythos, Religion und wissenschaftlicher Erkenntnis seine Welt gestaltet und erschließt. Historisch werden die symbolischen Formen, wenn sie sich ändern. Dies war für Cassirer nun in der Frühen Neuzeit in besonderem Maße der Fall, weil hier ein selbstreflexives Bewußtsein dafür entstand, daß der menschliche Geist sich in "Bildwelten" einrichtet. Der Mensch wird zum sich seiner selbst bewußten Schöpfer der Natur und erst kraft der Gestaltung nach eigenem Willen kann er sie verstehen. Darin liegt der hermeneutische Wert der symbolischen Formen, daß sie, da vom Menschen selbst produziert, verstanden werden können.

Bis heute wird die Frage diskutiert, ob das deutsche Barockdrama eine Endphase des Mittelalters markiert oder eher die Aufklärung ankündigt. Die Antwort kann durch Cassirers Rekonstruktion Impulse erhalten. An der Allegorie, oft als Indiz für noch mittelalterliche spirituelle Weltauslegung gedeutet, läßt sich demonstrieren, daß der Mensch selbst im Sinne Cassirers zum Schöpfer der Natur wird. Dabei ist eine Veränderung oder ein Fortschritt zu beobachten, der für den Charakter einer Welt als Kunst symptomatisch ist: der Konsens über die Bedeutung der Allegorie muß erst geschaffen werden. Gilt die Rosenallegorese in Gryphius’ Catharina von Georgien noch als eigensinnige Manifestation eines singulären Bewußtseins, hat in Lohensteins Drama Cleopatra die translatio imperii-Idee, transponiert durch den Reyen der Flüsse, bereits den Rang einer kollektiven Verbindlichkeit erhalten, dessen Konstruktionscharakter gewußt wird. Die Historisierung der symbolischen Form einer Natur, die der Mensch gestaltet, um sie zu verstehen, beweist an der Schwelle zur Neuzeit ihre Gültigkeit ausgerechnet an der Allegorie, einer mittelalterlichen Form der Weltauslegung.

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