Stefan Elit: Klopstocks Poetik als Trendsetter und Anachronismus in epochaler Hinsicht

Wieso wird eine Poetik zugleich als "Trendsetter" und doch auch wieder als "Anachronismus" gesehen? Dieser Beitrag will Überlegungen dazu anstellen, wie es zu einem solchen durchaus paradoxalen Eindruck womöglich nicht nur für den behandelten Einzelfall kommen kann.

Daß die Poetik Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) zumindest als "Trendsetter und Anachronismus" erscheinen kann, wird erklärlich, wenn man für literatur- und poetikgeschichtliche Entwicklungen von einer Denkfigur der "Diskontinuität in der Kontinuität" bzw. des "Ungleichzeitigen im Gleichzeitigen" ausgeht, wie sie N. Luhmann, H. Blumenberg bzw. R. Koselleck für allgemeingeschichtliche Prozesse postuliert haben.

Diese Figur wiederum gewinnt ihre Bedeutung etwa von der These Luhmanns von dem Phänomen der bloßen "Rekombination" eines Systems im Rahmen einer "Selbsterneuerung im laufendem Betrieb" her oder aus der Vorstellung Blumenbergs heraus, daß Neues nur innerhalb eines vorhandenen "Bezugsrahmens" möglich sei; die damit von Blumenberg verbundene These von der großen "Umbesetzung" bereits vorhandener Begrifflichkeiten hin zur "Neuzeit" kann dann auch mit Kosellecks zentraler Vorstellung für die spezifisch neuzeitliche Umbesetzung, d.h. die "Verzeitlichung" von Begriffen, verglichen werden.

Diese Grundvorstellungen sollen nun auch für das komplexe Auf- oder besser: Ineinanderfolgen von nach Epochen trennbaren Formationen literarischer und poetologischer Diskurse beansprucht werden, um im konkreten Fall folgende Perspektiven zu entfalten:

Inwiefern kann das Erscheinungsbild der "empfindsam-erhabenen" Poetik Klopstocks zum einen, in ihrer ersten Entstehungszeit, um 1750, zwar gewisse Verbindungen "nach hinten" (als "anachronistischer" "(Neu-)Barock" sowie als Erweiterungsform der Frühaufklärung), aber zugleich auch solche "nach vorne" (also als "Trendsetter" z. B. für Ästhetiken des individuellen "Gefühlsausdrucks") aufweisen?

Und zum andern: Warum kann, um 1800, die späteste Formulierung der Klopstockischen Poetik, die "Grammatischen Gespräche" von 1793ff., durch einen spezifischen A-Chronismus (in Sprachauffassung und Antikenrezeption) ganz eindeutig "anachronistisch" erscheinen, während ein damit gekoppelter, anderer Zug an ihr (das zentralgesetzte nationale Paradigma) wiederum als "Trendsetter" (in der Opposition zu Frankreich) bezeichnet werden mag?

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