Susanne Gippert: Das Augusteische Zeitalter in England (am Beispiel Joseph Addisons)
Die Ordnungskategorie der "Epoche" erweist sich gerade am Beispiel Englands als besonders problematisch. Denn europäische Epochenkonzepte lassen sich nicht ohne weiteres auf englische Verhältnisse übertragen, bedient sich die englische Periodisierung doch neben der kontinentalen kunsthistorischen Einteilung (Renaissance-Barock-Klassizismus) vor allem einer dynastisch-politischen (Elizabethan-Jacobean-Restauration), seltener einer an literarischen Persönlichkeiten ausgerichteten Einteilung (Age of Shakespeare - Age of Milton - Age of Dryden).
Eine Ausnahme bildet dabei das sogenannte Augustan Age, das sich zwar chronologisch an die englische Restauration anschließt, die dynastisch-politische Epocheneinteilung aber terminologisch nicht fortsetzt. Vielmehr lehnt sich diese Epochenbezeichung an eine vergangene europäische Epoche an, nämlich das Augusteische Zeitalter Roms. Grundlage dieser analogen Bezeichnung ist die politische und kulturelle Parallele zwischen England im 18. Jahrhundert und Rom unter Augustus.
Im engsten Sinne gilt diese Analogie jedoch nur für die Regierungszeit von Queen Anne (1702-1714) und die späten Regierungsjahre von William III (1689-1702). Denn diese Zeit nach der Glorious Revolution war in politischer Hinsicht von einem Optimismus geprägt, der sich durchaus mit der Stimmung in Rom unter Augustus vergleichen läßt. Neben der Hinwendung zu den augusteischen Dichtern Horaz, Vergil und Ovid war darüber hinaus ein mit dem Maecenas-Kreis vergleichbares Verhältnis zwischen Königshaus, einflußreichen Politikern und literarischen Persönlichkeiten der Zeit für England unter Queen Anne besonders charakteristisch.
Die Bezeichnung des Augustan Age umfaßt somit einen Zeitraum von höchstens 25 Jahren. Der literarische Ertrag eines Vierteljahrhunderts beschränkt sich dementsprechend auf Übersetzungen John Drydens, kleinere Werke Alexander Popes, eine Anthologie von Metamorphosenübersetzungen sowie die moralischen Wochenschriften Spectator und Tatler. Doch läßt sich dieser kurze Zeitraum so überhaupt noch als Epoche fassen? Wird die Epoche des Augustan Age damit nicht hinfällig? Oder sind die englischen Augusteer lediglich als Vorreiter der späteren Klassizisten des 18. Jahrhunderts zu verstehen?
Diese Fragen sollen am Beispiel Joseph Addisons (1672-1719) erörtert werden, der als Herausgeber der oben genannten Wochenschriften sicherlich zu den einflußreichsten Literaten dieser Zeit gehört und mitunter als Proto-Augusteer gilt.
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