Mirjam-Kerstin Holl: "Biedermeier": Auseinandersetzungen um die Epochenproblematik vor systemtheoretischem Hintergrund:
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in der traditionellen Literaturwissenschaft vielfach mit der Bezeichnung "Biedermeierzeit" versehen. An diesem Begriff entzünden sich viele kritische Diskussionen, weswegen die "Biedermeierzeit" als umstrittenes Beispiel dazu beiträgt, grundsätzliche Probleme der Epocheneinteilung eingehender zu beleuchten.
1.) Debatten um "Biedermeierzeit" als tragfähigem Epochenbegriff und die Konsequenzen:
Der Begriff "Biedermeierzeit" hat in den 70iger Jahren zu ausgedehnten Kontroversen geführt, wobei auch weitere Begriffe wie "Restaurationszeit" und "politischer Vormärz" diskutiert wurden. Versucht man die Kontroversen zusammenzufassen, so ergeben sich folgende Versionen:
1. "Biedermeier" als nachträglich konstruierter Kampfbegriff ohne konkreten Gegenstandsbereich
2. "Biedermeier" als heuristischer Begriff mit einem Gegenstandsbereich:
a.) "Biedermeier" als eine ideen- und kunst-/literaturgeschichtliche Strömung unter verschiedenen gleichzeitigen Strömungen
b.) "Biedermeier" als Benennung einer bestimmten relativ "unpolitischen" Phase, die von einer politisierten Phase ("Vormärz") abgelöst wird
c.) "Biedermeier" als übergreifende Epoche, bestimmt von Antagonismen zwischen Entpolisierung/Politisierung der Gesellschaft und zwischen Autonomie/Operativität der Kunst
Anhand der Kontroversen lassen sich grundsätzliche Probleme für Epochendefinitionen erkennen:
1. Die Begründung der Kriterien für "Zäsuren" (Beginn und Ende einer "Epoche"): Dieses Problem stellt sich vor allem bei Epochenkonzepten, die nicht auf mechanische Einteilungskriterien wie (halbe) Jahrhunderte zurückgreifen, sondern qualitative Kriterien einführen und Prozesse des Übergangs zwischen verschiedenen Epochen beschreiben wollen.
2. Die Begründung der Kriterien, die die typischen Phänomene einer "Epoche" beschreiben: Wichtig ist neben der Methodik die Bezugsgröße für die Periodisierung (Gesamtgesellschaft, soziales Leitsystem - beispielsweise das Wirtschaftssystem, das Kunstsystem, bestimmte Kunstarten), das Verhältnis zwischen externen (umweltspezifischen) Faktoren und internen (kunstspezifischen) Faktoren für die qualitative Beschreibung eines Epochenparadigmas sowie die beobachtbare Homogenität des Epochenparadigmas.
2.) Kunstexterne soziale Kriterien der Periodisierung:
Zu den externen Faktoren, die spätestens seit der ersten Hälfte des 19.Jhs. in bezug auf das Kunstsystem relevant sind, gehören Modernisierungsprozesse wie die Technisierung (maschineller Buchdruck), Zunahme der Alphabetisierung (Erschließung neuer Rezipientengruppen) sowie des Verlags- und Bibliothekswesens, Entstehung des Journalismus, aber auch Phänomene der politischen Zensur (was nahelegt, den Zeitraum statt "Biedermeierzeit" "Restaurationszeit" zu nennen) und pädagogisch-politisch motivierte Kanonbildungen. Wissenssoziologische Aspekte (z.B. Ideengeschichte/ Philosophiegeschichte) spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Faktoren sind Rahmenbedingungen für die Reichweite und die Freiheitsgrade des Kunstsystems.
3.) Kunstinterne Kriterien der Periodisierung:
Ausgehend von These der funktionalen Ausdifferenzierung des Kunstsystems kann man mit Gerhard PLUMPE die verschiedenen Kunstkonzepte als genuin kunstinterne Möglichkeit der Periodenbildung innerhalb der Makroepoche "Moderne" nehmen (Statt "Biedermeierzeit" oder "Restaurationszeit": "Realismus"). Allerdings treten hierbei weitere Probleme auf: Erstens, das Paradigma "Realismus" überlagert sich in der ersten Hälfte des 19. Jhs. mit Ausläufern der "Klassik" und der "Romantik", wobei idealistische Aspekte in allen drei Paradigmen auftreten können. Zweitens, differenziert sich der "Realismus" aus, wobei es Varianten gibt, die besonders stark operativ und politisiert sind und demzufolge besonders sensibel gegenüber Impulsen aus der sozialen Umwelt reagieren. Damit existieren "autonome" und "operative" Kunstkonzepte nebeneinander. Aspekte der Kanonbildung und der Differenzen in der Bewertung von Kunst ("Trivialliteratur" versus "hohe Literatur") führen zu weiteren Varianten. Das auf den ersten Blick einheitliche Epochenparadigma wird zu einem in sich relativ heterogenen Phänomen und legt nahe, anstelle eines Epochenbegriffs mit Zäsuren von (künstlerischen bzw. literarischen) Strömungen und dominanten Trends zwischen diesen Strömungen zu reden.
Der Zusammenhang zwischen Technisierung/ Medienevolution und der Pluralisierung von Genres beginnt bereits Anfang 19. Jh.
4.) Grundsätzliche Probleme: Gewichtung der Kriterien und Problemlösungskapazität von
Epochenkonzepten:
- Gewichtung der externen und internen Faktoren und ihrer Wechselwirkungen: Welche Freiheitsgrade hat das Kunstsystem, wie werden sie garantiert und wie stark sind die Aspekte der Autonomisierung des Kunstsystems durch funktionale Ausdifferenzierung? "Epochen" = Überlappen bestimmter interner und externer Kriterien, der Rest: interne, systemspezifische Strömungen?
- Einflüsse der Medientechnik verändern Kunstkonzepte, Kunstarten (Inter-/Transmedialität) und die Genres (Entstehung neuer Genrevarianten wie z.B. journalistische Texte -> Journalistik muß sich erst vom Kunstsystem ablösen) -> der Zuständigkeitsbereich des Kunstsystems variiert durch externe Faktoren.
- Definition einer kunstinternen "Epoche" als dominanter Trend zu einem bestimmten Kunstkonzept (dem "Paradigma") mit dynamischen Übergängen oder als Nebeneinander verschiedener Strömungen (verschiedener Kunstkonzepte) unter gleichen historisch-sozialen Rahmenbedingungen? Vielfach zeigen Paradigmen eher die Gleichzeitigkeit verschiedener Phänomene als deren periodisierbares, chronologisches Nacheinander (Voraussetzung: breite Streuung der Quellenauswahl!).
- Wie stark ist die Übertragbarkeit von Kunstkonzepten als Paradigmen auf verschiedene Kunstarten und Genres -> unterschiedliche Reichweite der Paradigmen innerhalb des Kunstsystems. Viele Vorschläge für "Epochen" beziehen sich nur auf Literatur und Theater.
- Unterschiedliche Internationalisierbarkeit der Paradigmen angesichts unterschiedlicher kommunikativer Erreichbarkeit, Sprachbarrieren, Variabilität von Rahmenbedingungen (z.B. durch Grad der Modernisierung, Technisierung, Regulierungen zwischen Kunstsystem und Wirtschaftssystem) und der Pluralisierung von Kunstkonzepten durch subkulturelle Einflüsse auf literarische Strömungen -> Problem des westlichen Eurozentrismus?
- Die Gewichtung zwischen der "Selbstbeschreibung" durch zeitgenössische Kriterien und Benennungen eines Zeitabschnittes (explorative Rekonstruktion) oder "Fremdbeschreibung" durch nachträglich gewonnene Kriterien und Benennungen, die oft von der "Selbstbeschreibung" abweichen (theoriegeleitete Rekonstruktion). Die relative Quellennähe der zeitgenössischen Varianten stehen damit der Möglichkeit gegenüber, durch nachträgliche Analyse größere Zeitabschnitte und Phänomenbereiche sowie deren Folgen erfassen zu können als es den Zeitgenossen möglich war. Das Privileg, mittels Beobachtungen 2. Ordnung Phänomene erfassen zu können, die dem Zeitgenossen nicht oder nur unzureichend zugänglich waren, steht dem Problem der anachronistischen Projektionen gegenüber, das durch selbstreflexive Theoriebildung mitbedacht werden muß (Differenzierung der Beobachterstandpunkte und Beobachtungsebenen). Systemtheoretische Ansätze erlauben sinnvollerweise die erforderliche Modellierung anhand der Differenz Selbstbeschreibung/ Fremdbeschreibung.
Fazit:
Das vorgeführte Fallbeispiel zeigt, daß eine elaborierte Fassung der Systemtheorie LUHMANNs als Möglichkeit der Periodisierung zwar die Makroepoche "Moderne" relativ problemlos begründen kann, daß aber sich angesichts der Binnenperiodisierung und der Konfrontation mit konkreten Phänomenen einige Folgeprobleme ergeben, die nach bisherigem Stand der Theorie nicht vollständig gelöst wurden - das gilt auch für den Vorschlag PLUMPEs, der als wichtiger Fortschritt für die literatursoziologische Problemlösungskapazität der Systemtheorie gelten kann. Der Einsatz von Epochenkonzepten scheint insgesamt trotz aller Probleme unvermeidbar zu sein, denn er liefert heuristisch einsetzbare (idealtypische) Paradigmen, die angesichts konkreter Gegenstände weitere Forschungsprobleme erschließen helfen (z.B. das Verhältnis zwischen dominanten Trends und Pluralisierung; Stabilisierung und Dynamisierung).
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