Sandra Janßen: Ausdifferenzierung des Wissens, beschleunigter Wechsel der Stile. Zur Möglichkeit von "Epochendefinitionen" zwischen Wissenschaft und Literatur an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
Der Vortrag wird sich einer besonders modernespezifischen Variante des Epochenproblems widmen: der in der Nähe der Gegenwart zunehmenden Verkürzung von Epochenabschnitten, sei diese nun von der vergröberten Optik der Nähe, von der wachsenden Ausdifferenzierung des Wissens oder von einer tatsächlichen Beschleunigung der "Zeiten" bedingt. Jede Disziplin, ob in der Kunst oder in der Wissenschaft, scheint ihre eigene, selbst schon komplexe Geschichtsschreibung zu erfordern. Am Beispiel des Wechselverhältnisses zwischen Psychologie und Literatur am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, die in der Literatur so unterschiedliche Strömungen wie Realismus, Naturalismus, Symbolismus und Klassische Moderne, in der Psychologie die Psychiatrie der Mitte des 19. Jahrhunderts (Esquirol), die Hysterie- und Hypnoseforschung (Charcot), die Gestaltpsychologie und die Psychoanalyse umschließt, soll versucht werden, synchrone Querverbindungen herzustellen, die zumindest eine gewisse Homogenität von Zeitabschnitten beschreiben könnten.
Als methodischer Ansatz soll dabei die Theorie Foucaults erprobt werden, die am ehesten geeignet scheint, unterschiedliche Wissensgebiete nach Strukturanalogien im Denken vergleichbar zu machen und somit synchrone Einheiten herzustellen. Dabei ist auch die Frage zu stellen, ob diese Einheiten im Fall so kurz aufeinanderfolgender Zeitabschnitte noch als Epochen zu bezeichnen wären, bzw. ob von Begriffen wie "Diskurs" oder "Episteme" mehr Aufschluß zu erwarten ist. In jedem Fall ist das Interesse an dieser Theorieoption mehr von ihrer Anwendbarkeit als von der Übernahme präetablierter historiographischer Ergebnisse angeleitet: Die Frage ist vor allem, ob man Foucaults Methode auch für kürzere Zeitabschnitte fruchtbar machen kann als er das etwa in "Les mots et les choses" tut (wenn man also nicht gleich die gesamte Geistesgeschichte des Abendlandes im Blicke hat).
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