Stephan Kraft: Prophezeiungen, der unveränderliche Schluß des Himmels und die Idee von der offenen Zukunft. Die 'Römische Octavia' Herzog Anton Ulrichs als Roman zwischen Barock und Aufklärung.
In letzter Zeit finden sich innerhalb der Germanistik erste Keime einer Diskussion darüber, ob die Epochengrenze zwischen Barock und Aufklärung als harter Bruch - wie es die traditionelle Forschung sieht - oder eher als gleitender Übergang zu verstehen ist. Dirk Niefanger hat zur Charakterisierung einer solchen 'sanften' Übergangsphase den aus der Kunstgeschichte entlehnten Begriff des 'Sfumato' vorgeschlagen. Statt wie Blumenberg die Epochenschwelle durch Interpolation von zeitlich genügend weit auseinander liegenden Texten herauszuarbeiten, die sich jenseits und diesseits eben jener Schwelle befinden, will Niefanger den Focus eher auf direkt in der Umbruchszeit entstandene Texte legen. Statt auf Differenzen zwischen verschiedenen Texten soll in diesem Modell eher auf Spannungen innerhalb ein und desselben Textes geachtet werden.
Dieser Vorschlag soll anhand der "Römischen Octavia" des Braunschweiger Herzogs Anton Ulrich auf seine Tragfähigkeit hin überprüft werden. An diesem siebenbändigen Roman, der sich aufgrund seiner Entstehungsgeschichte für ein solches Herangehen als besonders geeignet erweisen könnte, arbeitete der Herzog zwischen 1674 und 1714; während sein Beginn also noch eindeutig in die Zeit fällt, die man als Barock bezeichnet, reicht die letzte Arbeitsphase zwischen 1710 und 1714 weit in die von der Germanistik immer noch weitgehend vernachlässigte 'tote Zone' zwischen Barock und Aufklärung hinein. Die Verschiebungen - so meine Arbeitshypothese - lassen sich dabei am selben Text sowohl diachron (durch Kontrastierungen von Textelementen aus verschiedenen Arbeitsphasen) als auch synchron (als Spannungen innerhalb von Texten einer Arbeitsphase - hier vor allem der letzten) erfassen.
Konkreter Ansatzpunkt meiner Überlegungen sind die im gesamten Roman präsenten Prophezeiungen unterschiedlichster Provenienz und ihre Problematisierung im Text selbst. Prophezeiungen sind letztlich nur sinnvoll in einer von vornherein als geordnet begriffenen Welt, die im Grunde weder Kontingenz noch Gestaltbarkeit zuläßt. Meiner Ansicht nach ergeben sich gerade in diesem Roman im Laufe der Textgenese erhebliche Verschiebungen in der Stellung zu diesen Prophezeiungen, die am Ende die Möglichkeit aufscheinen lassen, die Zukunft nicht mehr als Fatum, sondern als eine vom Menschen unter dem frühaufklärerischen Signum der 'wahren Vernunft' substantiell beeinflußbare Größe zu betrachten. Pikanterweise sind es oft die Wahrsager und ihre Prophezeiungen selbst, die diese Verschiebungen in Gang setzen.
Eben diese Möglichkeit der gestaltbaren - und damit zumindest zum Teil offenen - Zukunft hat meines Erachtens auch erhebliche Konsequenzen für die Gesamtanlage und vor allem auf das (aus diesem Grunde?) fehlende Ende des Romans: Letztlich kollidiert sie mit dem massiven Finalismus der ursprünglichen Grundanlage, in der ein durch göttliches Wollen schon von vornherein festgelegtes Ende sukzessive nur noch enthüllt wird. Diese Spannung von geschlossener Anlage des Textes und Diskussion über die Offenheit der Zukunft wird bis zum Ende der überlieferten Aufzeichnungen nicht aufgelöst.
Das Ergebnis bleibt hinsichtlich der oben skizzierten Epochenfrage uneindeutig, ja widersprüchlich: Einerseits läßt sich an diesem Roman ein sukzessiver, langsamer Übergang vom Barock zur Aufklärung tatsächlich zeigen, andererseits aber führen die auflaufenden Spannungen am Ende in eine Aporie und sprechen so doch wieder für die Annahme eines harten Bruchs.
Diese Seite wird nicht mehr aktualisiert.