Andreas Pecar: Der Hof als Interaktionssystem. Eine Übergangserscheinung der Kommunikation zwischen ständischer und funktionaler Gesellschaftsordnung

Giacomo Casanova war Sohn eines Tänzers und einer Schauspielerin. Dennoch zeugen die zwölf Bände seiner Memoiren davon, daß er sich beinahe ausschließlich in der genuin aristokratischen Sphäre des Hofes bewegte. Warum es – in einem bestimmten Zeitabschnitt des 18. Jahrhunderts – für dezidiert Nichtadlige wie Casanova und andere möglich war, sich permanent in adliger Umgebung aufzuhalten, soll im folgenden untersucht werden.

Methodischer Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen ist die Systemtheorie Niklas Luhmanns, in der moderne Gesellschaften als Summe funktional ausdifferenzierter, selbstreferentiell organisierter Teilsysteme beschrieben werden können. Vor diesem Hintergrund ist der Blick auf den Epochenwechsel von vormodernen (stratifikatorisch differenzierten) zu modernen (funktional differenzierten) Gesellschaften lohnend.

In einer stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft – wie der ständischen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit – müssen die Oberschichten, d. h. meist die Mitglieder des Adels, besonderen Erwartungen und Herausforderungen gerecht werden. Die gestiegene Komplexität der Gesellschaft im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts mußte von den ständisch definierten Oberschichten bewältigt werden. Politische Entscheidungen, Bekleidung von Ämtern in Hof und Kirche, Verwaltung und Militär waren in der Regel in Händen des Adels monopolisiert. Der (vereinzelte) Aufstieg von Bürgerlichen in die Funktionselite wurde vom Adel als Bedrohung empfunden, als Angriff auf ihre Exklusivität.

Um daher den funktionalen Herausforderungen der Oberschichteninteraktion gerecht zu werden, intensivierte der Adel seit dem 16. Jahrhundert seine Bemühungen um "Adelserziehung": Hofmeister, Universitätsbesuche, Ritterakademien und Kavaliersreisen verdeutlichen den adligen Anspruch, auch künftig die Oberschicht zu stellen. Bei den Bildungsbemühungen handelte es sich gewissermaßen um eine nachträgliche "Qualifikation" für eine bereits mittels Geburt zugewiesenen Herrschaftsstellung. Ein Blick auf den Bildungskanon soll verdeutlichen, daß es hierbei nicht um die Vermittlung spezifischer Fachqualifikationen handelte; vielmehr ging es um die Vermittlung adliger Interaktionsfähigkeit im nunmehr höfischen Kontext.

War die Frage der Zugehörigkeit aber nicht mehr ausschließlich abhängig vom Kriterium der vornehmen Geburt, sondern auch von – erlernbaren – Kriterien wie der Fähigkeit zur Interaktion, so konnten prinzipiell auch Nichtadlige in diese Sphäre aufsteigen. Grundbedingung hierfür war, wie am Beispiel Casanovas gezeigt werden soll, die Aneignung eines höfisch-aristokratischen Habitus (Bourdieu). Diese Offenheit konnte am Hof erst herrschen, nachdem die Zugangsvoraussetzung der Interaktionsfähigkeit die der vornehmen Geburt zu überlagern begann. Und sie konnte nur anhalten, solange der Hof seine Rolle als Zentrum der Oberschichtenkommunikation beibehielt, das heißt bis zum Aufkommen funktional differenzierter Teilsysteme.

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