Jörg Robert: Carmina Pieridum nulli celebrata priorum. Zur poetischen Inszenierung von Epochenwende im Werk des Conrad Celtis

Wilfried BARNER hat die 'Apollo-Ode' des Conrad Celtis in seiner 'Typologie literaturprogrammatischer Epochenwenden in Deutschland' als Präzedenzfall eines 'Negierens von Tradition' beschrieben. Ausgehend von seinen Beobachtungen soll Modellen von 'Epochenschwelle und Epochenbewußtsein' im Werk des deutschen 'Erzhumanisten' nachgegangen werden. Über die Ode ad Apollinem repertorem poetices und die Ingolstädter Programmrede hinaus wird dabei Celtis' Wille zur epochestiftenden Geste, zur Verabschiedung einer 'nullen Epoche' von atrum und barbaries wie zur Inszenierung der eigenen Person mit 'kerygmatischem Impuls' im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. In diesem Zusammenhang kommt einer Reihe von poetischen Texten besondere Bedeutung zu, die Denkfiguren von Epochenzäsur, 'poetischer' Konversion und missionarischer Berufung durchdeklinieren und so die subjektiv-biographische Perspektive des neuen 'Epochenbewußtseins' wie die Funktionalisierung des Epochenkonzepts für Zwecke der Panegyrik wie der Selbstabbildung illustrieren. Dabei kann ein Blick auf bislang kaum berücksichtigte Dichtungen der ars versificandi wie der Amores eine Varianz in Celtis' Modellen der Epochensetzung belegen, die auf die Kontextualität der Modelle, ihren rhetorisch-persuasiven Charakter verweist. Dies gilt vor allem für die Rolle, die sich der Dichter selbst seit der ars versificandi als Garant eines nationalen wie kulturellen Paradigmenwechsels zwischen translatio imperii und translatio artium anweist. Der Begriff 'Epoche' wird dabei immer wieder in seinem ursprünglichen, astronomisch-astrologischen Kontext relevant. Wie im Fall Goethes ist es auch bei Celtis das "Epochemachende der Geburt" (BARNER), die retrospektive Feststellung einer neuen aetas in der singulären Gestirnkonfiguration ('epoché'), die den Amores-Zyklus (1502) eröffnet (Amores 1,1: infeliciter ad amorem natum ex configuratione horoscopi sui). Die Nativität des Dichters exponiert so nicht nur spielerisch eine lebenslange Zerrissenheit zwischen erotischer und apollinischer Disposition: sie bezeichnet vor allem den Beginn einer neuen nationalen Kulturzeit, als deren Verkünder sich Celtis wirkungsvoll in Szene setzt. Doch auch sonst wird die configuratio horoscopi zur Affirmation historisch-biographischer Wendepunkte im Werk des Celtis: Bereits im frühen Proseuticum ad diuum Fridericum tercium, das der Nürnberger Dichterkrönung von 1487 folgt, wird die Gestirnkonstellation, die figura caeli im Moment der laureatio im Holzschnitt vorgeführt und bis auf die Sekunde präzise aufgeschlüsselt. Die Bedeutsamkeit des epochalen Ereignisses für die Person des Dichters zeigt sich darin, daß dieser für seinen Briefwechsel fortan eine eigene Jahresrechnung 'nach Jahren des Lorbeers' einsetzt. Celtis' Epocheninszenierungen bleiben so wesentlich an Wendemarken der eigenen Vita als Dichter und Missionar der studia in Deutschland gebunden. Eine solche Wendemarke stellt für Celtis auch das Säkularjahr 1500 dar, für das der Dichter eine dreibändige Ausgabe seiner opera in poetica plante.

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