Mignon Wiele: "Epochenillusion"? - Zur Rezeption der italienischen Renaissance in der französischen Romantik

Das Epochenkonzept der Renaissance stellt eine zunächst französische "Erfindung" des 19. Jahrhunderts dar. Ausgehend von den italienischen Ursprüngen im 14. Jahrhundert gilt es, die Entstehung der Epochenvorstellung "Renaissance" bis ins 19. Jahrhundert nachzuzeichnen, um sodann vor diesem Hintergrund die Darstellung und Anverwandlung der italienischen Renaissance in der Literatur der französischen Romantik in den Blick zu nehmen. Schlagwortartig seien die wichtigsten Stationen auf dem Weg zur Herausbildung des Renaissancekonzeptes mit den Namen Petrarca, Vasari, Rabelais, Voltaire, Mme de Staël und den Gebrüdern Schlegel umrissen.

Ist die Beziehung von französischer Romantik und christlichem Mittelalter im wesentlichen aufgearbeitet, so läßt sich ähnliches für das Verhältnis von Renaissance und französischer Romantik nicht konstatieren. Allerdings wird deutlich, daß die fiktiven Rekonstruktionen des Renaissancemilieus stark davon beeinflußt werden, wie der jeweilige Interpret zum Mittelalter steht.

Daneben erweisen sich die Epocheninszenierungen im historischen Roman und historischen Drama als Spiegelbilder der eigenen Gegenwart der Autoren: ihre religiösen, politischen und sozialen Ideologien fließen ebenso ein wie das Gefühl, in einer Zeit des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit zu leben.

Der Renaissance-Historismus befriedigt bürgerliche Repräsentationsbedürfnisse sowie die exotische Neugier und das Verlangen nach Evasion. Das Zeitalter der italienischen Renaissance gerät zur Zielscheibe utopischer Projektionen, die oft mehr über die eigene, als unzureichend empfundene Gegenwart der Autoren als über die in Frage stehende Epoche selbst aussagen. Hier drängt sich die Frage nach der Perspektivität der fiktionalen Epochenentwürfe sowie nach einer möglichen Epochenillusion auf.

Begreift man die literarischen Texte als Medien der historischen Sinnstiftung und der kulturellen Erinnerung, so müssen die literarischen Strategien, mit deren Hilfe historische Themen fiktional verarbeitet werden, untersucht werden. Das Verhältnis von fiktionaler Geschichtsdarstellung und historischer Wirklichkeit ist dabei als Poiesis, nicht als Mimesis zu begreifen. Ausgehend von ihrer eigenen Gegenwartserfahrung konstruieren die Autoren das Modell eines vergangenen Zeitalters, dessen fiktionaler Status stets im Blick zu behalten ist.

Es ist zu diskutieren, warum die italienische Renaissance gerade in der französichen Romantik eine so große Konjunktur erlebte. Zum einen läßt sich dies auf epochale Parallelen (Beginn der Neuzeit - Beginn der literarischen Moderne) zurückführen. Zum anderen dient die Renaissance-Verherrlichung den liberalen und antiklerikal eingestellten Romantikern zur Abgrenzung gegen ihre katholisch und monarchisch gesinnten Zeitgenossen, die in restaurativer Absicht einem Mittelalterkult frönen.

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