Forschungskolloquium "Epochenschwelle und Epochenbewußtsein" (Bonn, 23.-26.2.2000)
Exposé:
"Epochenschwelle und Epochenbewußtsein"
- Epochenkonzepte in Fallbeispielen -
(Europa 14.-20. Jh.)
I. Einleitung
Ein Forschungskolloquium in (allerdings lockerer) Nachfolge des Bandes "Epochenschwelle und Epochenbewußtsein" der selbst bereits Geschichte gewordenen Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik", veranstaltet im Jahr 2000 in der auch schon wieder historischen Bundeshauptstadt Bonn wenn das nicht epochenträchtig ist!
Die nächste Jahrtausendwende mag nun schon "passiert" sein oder, mathematisch gesehen, auch noch nicht, unser Kolloquium soll auf einem gesicherteren Fundament stehen als die aufgeregte öffentliche Diskussion um die aktuelle "Zeitenwende" (so es denn wirklich mehr als eine nominelle ist) und wird ein, wie wir denken, interessantes Spektrum von Epochenkonzepten an konkreten Fallbeispielen zusammenführen. Da es sich im Vorfeld ergeben hat, daß sich der Kreis der Teilnehmerinen und Teilnehmer mit ihren jeweiligen Promotionsvorhaben in einem chronologischen Bereich vom "ausgehenden Mittelalter" bis zur letzten Jahrhundertwende bewegt, und da der Schwerpunkt dabei auf der sogenannten Makroepoche "Frühe Neuzeit" liegt, ist damit u. E. schon ein schöner Rahmen abgesteckt. In ihm werden sich sicherlich gute Diskussionsfortschritte über verschiedene allgemeine Epochenkonzepte einstellen können, und vielleicht scheinen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ja sogar neue Verbindungslinien und Perspektiven für das eigene Thema auf.
Wir stellen nun bewußt kein einzelnes Epochenkonzept aus einem theoretischen Guß in den Mittelpunkt, auch wenn sich aus der von uns vorgeschlagenen Literaturauswahl und gerade auch dem Poetik-und-Hermeneutik-Band bereits Präferenzen ergeben mögen. Es erschien uns sinnvoll, kontroversen Diskussionen über das richtige "epochale" Perspektivieren nicht schon zu viele Schranken aufzuerlegen.
Jedoch glauben wir auch nicht, durch dieses Vorgehen eine zu disparate bloß chronologische Reihe von Referaten zu versammeln. Auch hier haben sich wie von selbst bereits Schwerpunkte herauskristallisiert, die sich an der Themenliste erahnen lassen wird. So beschäftigen sich jeweils mehrere Referate aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit den Epochenbrüchen Mittelalter-Renaissance und Barock-Aufklärung. Einen anders gearteteten Zusammenhang stiften die Beiträge, die sich erklärtermaßen auf systemtheoretische Ansätze stützen wollen.
Bei aller Offenheit wollen die Organisatoren aber in den beiden folgenden Abschnitten doch einmal versuchen, ihren Blick auf das Gesamtthema und einen lockeren theoretischen Rahmen zu skizzieren oder zumindest auf das genauer hinzuweisen, was sie aus den bisherigen Arbeiten zum Rahmenthema für berücksichtigenswert halten und was sie deshalb auch den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bereits in einer kommentierten Literaturliste ans Herz gelegt haben.
II. Epochen wahrnehmen, er- und befragen aber wie?
Bei dem Titel für dieses Kolloquiumsvorhaben handelt es sich also ganz bewußt um eine Übernahme des Titels des Bandes "Poetik und Hermeneutik XII" (hg. v. R. Herzog u. R. Koselleck), den die gleichnamige Forschungsgruppe vor nun bereits zwölf Jahren veröffentlichte.
Die Frage nach der Ordnungskategorie der "Epoche" scheint zwar insofern obsolet zu sein, als wir diese heute, aus nahezu topisch gewordener Skepsis, gerne für wissenschaftlich unhaltbar und für ein reines Konstrukt erklären; dann aber denken und arbeiten wir munter mit Rudimenten epochaler Schemata weiter oder versuchen eine größere historische Einordnung des eigenen Gegenstandes erst gar nicht mehr.
Beides muß doch wohl unbefriedigend erscheinen, und deshalb versammelt dieses Kolloquium Doktoranden der Geschichtswissenschaft, der Kunstgeschichte und verschiedener Literaturwissenschaften, die bereit sind, anhand ihrer eigenen Arbeitsthemen Epochenproblematiken zu reflektieren, zu denen das oben genannte "Reservoir" u. E., auf Grund der von ihm bereitgestellten Fülle von Fallstudien, besonders anregen könnte.
Aber der Band der Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" soll keineswegs alleinig im Mittelpunkt des Kolloquiums stehen. Wir stellen ihn vielmehr in einen Kontext von Literatur, die wir zur Heranziehung empfehlen möchten.
III. Statt einer Einführung: Eine gewichtete und kommentierte Literaturliste
Die im folgenden angeführten Titel finden sich, alphabetisch geordnet, auch unter Literatur.
Für eine erste begriffliche und nurmehr abstrakte Orientierung möchten wir sozusagen vor den für uns zentralen Texten wenigstens einen Lexikonartikel nennen, und zwar den Artikel "Epoche" von Michael Titzmann im:
Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, gemeinsam mit Harald Fricke, Klaus Grubmüller und Jan-Dirk Müller hg. v. Klaus Weimar, Berlin/New York 1997, Bd. I, S. 476-480. (Der Artikel ist in der Tat auf hohem Niveau abstrakt; wer sich von Arbeiten im Anschluß an die auf diese Weise angegangene Epochenproblematik abschrecken lassen möchte, sei auf einen weiteren Artikel von Titzmann verwiesen:
ders.: Probleme des Epochenbegriffs in der Literaturgeschichte, in: Klassik und Moderne. Die Weimarer Klassik als historisches Ereignis und Herausforderung im kulturgeschichtlichen Prozeß, hg. v. Karl Richter u. Jörg Schönert, Stuttgart 1983 (FS Walter Müller-Seidel zum 65. Geburtstag), S. 98-131.)
Als ersten und für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer am ehesten verbindlichen Theorietext, der als einer der Anreger neuerer Epochendebatten bezeichnet werden kann, möchten wir nennen:
Hans Blumenberg: Die Epochen des Epochenbegriffs, d.i. Kapt. I von: ders.: Aspekte der Epochenschwelle. Cusaner und Nolaner, erweiterte und überarbeitete Neuausgabe von "Die Legitimität der Neuzeit", vierter Teil, Frankfurt/Main 1976, S. 7-33.
Zweite Empfehlung:
Auf andere Weise thematisiert die Möglichkeit des Denkens in epochalen Schemata ganz fundamental Reinhart Koselleck in seiner nicht nur begriffstheoretischen Arbeit über die "Neuzeit" - dieser Beitrag mit dem vollen Titel: "Neuzeit. Zur Semantik moderner Bewegungsbegriffe", findet sich in:
- Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft - Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/Main 1979, S. 300-348.
Dieser Artikel könnte uns v.a. aufgrund seiner vorangestellten Grundüberlegungen ganz zu Anfang für eine grundsätzliche Reflexion des Umgangs mit Epochenkonzeptionen dienlich sein.
(Einen noch breiter angelegten Überblick, zu den Begrifflichkeiten "Alteuropa", "(Frühe) Neuzeit" und "Moderne", bieten übrigens Hans Erich Bödeker und Ernst Hinrichs in ihrem Forschungsbericht:
Alteuropa - Frühe Neuzeit Moderne Welt? Perspektiven der Forschung, in: Alteuropa - Ancien Regime Frühe Neuzeit. Probleme und Methoden der Forschung, hg. von Hans Erich Bödeker und Ernst Hinrichs. Stuttgart/ Bad Cannstatt, 1991 (Problemata 124), S. 11-50.) Eine verknappte und in gewisser Weise neutralere Darstellung der (Begriffs-) Problematik "Neuzeit" durch Koselleck befindet sich dann auch in unserem zentralen "Reservoir", dem P&H-Band, S. 269-282.
Blumenberg, unsere "Nummer Eins", gehört mit seinen Ausführungen v.a. zum Konzept der "Epochenschwelle" sodann zu denen zentralen Berufungsinstanzen in der Veröffentlichung, die wir als drittes am meisten empfehlen wollen, nämlich die für das Kolloquium titelgebende und bereits mehrfach genannte Tagungsakte:
Epochenschwelle und Epochenbewußtsein, hg. v. Reinhart Herzog und Reinhart Koselleck, München 1987 (= Poetik und Hermeneutik; XII). Insbesondere sollen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, neben dem Auswählen jeweils zum eigenen Thema passender Beiträge, einen intensiveren Blick in den Bandabschnitt II.1, Beiträge: Zur Theorie der Epochenschwelle und des Epochenbewußtseins, werfen, da uns eine Diskussion zum dort aufgeworfenen Problem der "Epochenillusion" besonders lohnenswert erscheint.
Als viertes sei auf einen weiteren, in Einzelbeiträgen gut verwertbaren Sammelband verwiesen, und zwar:
Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie, hg. von Hans Ulrich Gumbrecht u. Ursula Link-Heer, Frankfurt/Main 1985.
In diesem Band befindet sich u.a. ein Beitrag von Niklas Luhmann, den wir als fünftes besonders erwähnen möchten:
Niklas Luhmann: Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie, in: s.o., S. 11-33. Eine Auswahl gerade dieses Einzeltitels aus Luhmanns uvre mag für Fachleute zufällig erscheinen, wir halten diese kleine Arbeit aber durchaus für allgemein lesenswert und evtl. auch einen ersten Zugang ermöglichend.
Als erster Zugang zu Systemtheorie im Zusammenhang mit unserer Thematik mag auch genannt sein:
Gerhard Plumpe: Systemtheorie und Literaturgeschichte. Mit Anmerkungen zum deutschen Realismus im 19. Jahrhundert, in: a.a.O., S. 251-264; ODER: ders.: Epochen moderner Literatur. Ein systemtheoretischer Entwurf, Opladen 1995, bes. die S. 7-64 (=allgemeiner Teil).
Sechstens könnte ein weiterer zentraler Theoretiker für unsere Tagung auch Michel Foucault sein, von dem wir keine größere Arbeit auf die Liste setzen wollen; zu nennen wären aber als mögliche "Inspirationsquellen" sicherlich "Die Ordnung der Dinge" und "Die Archäologie des Wissens".
Gerade letztere Arbeiten thematisiert Manfred Frank in Hinsicht auf Epochenkonzeptionen in dem ersterwähnten Sammelband, also dem der Gruppe "Poetik und Hermeneutik":
Manfred Frank: "Ein Grundelement der historischen Analyse: die Diskontinuität" - Die Epochenwende von 1775 in Foucaults "Archäologie", in: a.a.O., S. 97-130.
Wir kommen mit letzterem Titel bereits in den Bereich speziellerer Literatur, sozusagen die siebte und abschließende Empfehlungssparte, bleiben aber noch kurz bei Foucault, denn:
Mit einem anderen "epistemischen Bruch" beschäftigt sich Bernhard F. Scholz unter dem Titel:
Zur Bedeutung von Michel Foucaults These eines epistemischen Bruchs im 17. Jahrhundert für die Barockforschung. Dieser Artikel befindet sich in dem Sammelband:
Europäische Barockforschung, hg. v. Klaus Garber, Teil I, Wiesbaden 1991 (= Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung; 20), S. 169-184. Dieser spezielle Band bietet, neben verschiedenen Aspekten des Barockbegriffs, Arbeiten zum Epochenbruch Barock-Aufklärung und z.B. verschiedene neuphilologische (u.a. romanistische und anglistische) Perspektiven zur Barock-Diskussion (letzteres in Teil II).
Zum Bereich Barock-Aufklärung möchten wir zudem noch auf eine einzelne Arbeit hinweisen, die sich auch um eine Modifikation des Blumenbergschen Schwellenbegriffs bemüht, und zwar handelt es sich um:
Dirk Niefanger: Sfumato. Traditionsverhalten in Paratexten zwischen Barock und Aufklärung, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) 25 (1995). S. 94-118.
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